Urteil gegen SS-Mann Gröning – Es ging nicht nur um einen Greis

Oskar Gröning mit seiner Anwältin vor der Urteilsverkündigung

Gelitten unter der Last seiner Schuld: Oskar Gröning mit seiner Anwältin vor der Urteilsverkündigung durch die Lüneburger Richter an diesem Mittwoch.

Vier Jahre Haft für einen 94 Jahre alten früheren SS-Mann – das ist ein Signal der deutschen Justiz. Der wohl letzte Auschwitz-Prozess war mehr als ein Strafverfahren gegen einen hochbetagten Angeklagten. Eine Analyse.

von Alexander Haneke

Mit seinem Urteil gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning geht das Lüneburger Landgericht sogar über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus. Vier Jahre Haft für 94 Jahre alten Mann, das ist ein deutliches Zeichen.

Dabei ging es in diesem Prozess eigentlich nicht um Strafe für einen Greis, der am Ende seines Lebens steht und sich für Taten verantworten musste, die er vor über 70 Jahren als junger Mann in einer zum Glück längst vergangenen Zeit begangen hat. Was soll hier Strafe noch bewirken? Die unfassbaren Verbrechen von Auschwitz können nicht durch ein paar Jahre Haft gesühnt oder vergolten werden – für Auschwitz gibt es keine angemessene Strafe.

Und auch die Gründe, die heute für das Strafen herangezogen werden – die Abschreckung anderer potentieller Täter und die Besserung des Bestraften – laufen hier leer. Oskar Gröning wird nicht noch einmal ähnliche Taten begehen können. Und ein neuer Massenmord ließe sich durch die Androhung von ein paar Jahren Haft sicher nicht verhindern.

Man kann Gröning glauben, dass er selbst sein ganzes Leben unter der Last seiner Schuld gelitten hat, dass ihm die Erinnerung Strafe war. Und man kann ihm glauben, dass dieser Prozess am Ende seines Lebens diese innere Strafe noch einmal verschärft hat.

„Es geht mir nicht um die Strafe“, hatte auch die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahimi stellvertretend für die meisten Nebenkläger gesagt. „Es geht mir um ein Urteil.“

Schuldig der Beihilfe zum Mord

Das Landgericht Lüneburg hat Grönings Taten anhand der Kategorien des Rechts bewertet. Gröning war in Auschwitz, und er wusste vom ersten Tag an, welchem Zweck das Lager diente, nämlich Menschen aufgrund ihrer Abstammung zu ermorden, hunderttausendfach, oft mehrere Tausend an einem Tag. Und Gröning hat über zwei Jahre in Auschwitz mitgemacht. Gröning hat sich der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht.

Aber die Staatsanwaltschaft hatte einen Mittelweg aufgezeigt: Ein Teil der Strafe hätte als abgegolten angesehen werden können – wegen der überlangen, rechtsstaatswidrigen Verfahrensdauer. Denn auch die deutsche Justiz hat sich schuldig gemacht, indem sie viele Täter unbehelligt ließ. Das Gericht hätte so unter die Schwelle von zwei Jahren kommen können, und die Haftstrafe zur Bewährung aussetzen. Das haben die Lüneburger Richter nicht getan.

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/auschwitz-prozess-nicht-nur-gegen-ss-mann-oskar-groening-13703905.html

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