Staatsexamen – Schafft das Juraexamen ab!

Das Staatsexamen hilft Studenten, die gut auswendig lernen, den Repetitor zahlen und dem immensen Druck standhalten. Fünf Gründe, warum der Abschluss nicht zeitgemäß ist … von Anna K. Bernzen

In dieser Woche beschäftigen wir uns in einem Schwerpunkt mit der Frage, ob das Jurastudium reformiert werden muss. Sie sind Student, Professor oder praktizierender Jurist? Schicken Sie uns gerne Ihre Gastbeiträge an leser-studium@zeit.de, die besten Beiträge werden wir auf ZEIT ONLINE veröffentlichen.

„[W]ir müssen uns m.E. damit abfinden, dass der gesamte Stoff unserer Wissenschaft längst nicht mehr in einem einzigen Kopf Platz findet, zumal nicht in einer Ausbildungszeit von vier Jahren.“

Eine klare Ansage, die Professor Peter Noll da in einer Juristenzeitschrift gemacht hat. Eine Reform des Jurastudiums müsse her – je schneller, desto besser. Eine klare Ansage allerdings, die Noll bereits vor 50 Jahren gemacht hat. Passiert ist seitdem fast nichts. Nolls Reformaufruf von 1965 könnte 2015 fast wortgleich noch einmal veröffentlicht werden. Wenn die Jura-Fakultäten sich so schwer damit tun, das Studium und seine Abschlussprüfung neu zu gestalten, muss das Staatsexamen eben abgeschafft werden. Fünf Gründe für eine überfällige Reform:

1. Das Examen bereitet nicht auf die Realität im Job vor

Das Ziel des deutschen Jurastudiums ist es, sogenannte Einheitsjuristen auszubilden. Einen Strafbefehl bekommen? Der Vermieter möchte die Dusche nicht reparieren? Das Ordnungsamt will, dass der Apfelbaum abgeholzt wird? Kein Problem, der Einheitsjurist kann zu all dem juristischen Rat geben. Diese umfangreiche Ausbildung ist international Spitzenklasse. Doch sieht so der durchschnittliche Arbeitstag eines Anwalts, einer Richterin oder eines Unternehmensjuristen aus? Höchstens in der Vorstellung der Kumpels, die nach Feierabend nach kostenlosem Rechtsrat fragen.

Wer sich auf das Arbeitsrecht spezialisiert hat, wird es im Job nicht mit der Frage zu tun bekommen, ob der Bundespräsident Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit hin überprüfen darf oder was passiert, wenn der Mörder aus Versehen den Falschen erschießt. Und sollte so eine Frage doch mal auf dem Schreibtisch eines Anwalts landen, gibt er sie an seine Kollegin weiter, die sich auf diesem Rechtsgebiet spezialisiert hat. Trotzdem musste er diese und viele weitere Fälle im Examen lösen können. Dabei vergessen die Klausursteller eins: Das Jurastudium ist Teil einer Berufsausbildung – und dieser Beruf erfordert keine so umfassenden Kenntnisse auf allen Rechtsgebieten, wie sie im Staatsexamen abgeprüft werden.

2. Das Examen engt Studenten und Unis ein

Weil Examenskandidaten aber angehende Einheitsjuristen sind, müssen sie sich am Ende ihres Studiums auf allen drei Rechtsgebieten auskennen – also im Zivilrecht, im Straf- und im öffentlichen Recht. Die Universitäten wenden daher viel Zeit und Energie dafür auf, ihnen die im Examen abgeprüften Fächer zu vermitteln. Da bleibt wenig Raum, um sich schon im Studium eigenen fachlichen Interessen zu widmen. Ob das Streamen von Filmen verboten ist, wer im Prozess gegen den pfuschenden Arzt was beweisen muss oder wie genau die UN funktionieren – darum geht es in den Standardvorlesungen nicht.

Sicher, im Schwerpunktstudium können Studenten sich auf Fragen des Urheberrechts, des Medizin- oder Völkerrechts spezialisieren. Doch dieser persönliche Schwerpunkt wird erst in den letzten Semestern gewählt und deshalb neben der Examensvorbereitung von vielen halbherzig betrieben. Fächerübergreifende Kurse, zum Beispiel BWL-Vorlesungen oder Politik-Seminare, bieten die wenigsten Universitäten an. Müssten die Studenten sich weniger auf den Pflichtstoff konzentrieren, hätten sie mehr Zeit für das, was sie wirklich interessiert – und würden durch die Einblicke in andere Studienfächer nicht Gefahr laufen, zum Fachidioten zu werden.

3. Das Examen prüft die falschen Fähigkeiten

Seit der erste Examenskandidat über seiner Abschlussklausur schwitzte, ist das abgefragte Recht deutlich komplexer geworden – und es ändert sich ständig. Studenten müssen heute zum Beispiel nicht nur Landes- und Bundesgesetze anwenden können, sondern mit dem Europarecht eine zweite Rechtsordnung parat haben. Und sie müssen nicht nur eine Menge wissen, sondern das auch ziemlich genau: In mancher Examensklausur hängt eine gute Note vor allem davon ab, ob ihr Verfasser in der Vorbereitung zufällig das passende Urteil des Bundesverfassungsgerichts gelesen hat – das Staatsexamen ist dann eine reine Wissensprüfung.

Ziel des Jurastudiums ist es aber gerade nicht, am Ende möglichst viele Urteile auswendig runterbeten zu können. Es sollte stattdessen Juristen hervorbringen, die auch neue Gesetze anwenden und damit unbekannte Fälle lösen können. Wenn man aber auch ohne diese Fähigkeit in vielen Klausuren erfolgreich sein kann, trainiert man sie in der Examensvorbereitung gar nicht erst. Warum auch kniffelige Übungsklausuren bearbeiten, wenn es im Examen viele Punkte für auswendig gelerntes Lehrbuchwissen gibt? Dabei bräuchte man dieses Handwerkszeug im Beruf dringender als das Detailwissen, das man als fertiger Jurist auch einfach mal nachlesen darf.

Quelle: http://www.zeit.de/studium/studiengaenge/2015-06/staatsexamen-jura-abschaffen?utm_content=zeitde_redpost+_link_sf&utm_campaign=ref&utm_source=gplus_zonaudev_int&utm_medium=sm&wt_zmc=sm.int.zonaudev.gplus.ref.zeitde.redpost.link.sf

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4 Gedanken zu “Staatsexamen – Schafft das Juraexamen ab!

  1. Sein juristisches Handwerk kann man nur beherrschen, wenn man das juristische Grundwissen aus dem FF beherrscht. Aber das ist der Muff von 100 Jahren unter den Talaren wie es die 68er so schön beschrieben – wer waren übrigens die 68er und welche wirklichen Ziele hatten sie? Echte Guthmannshausener wissen das.
    Peter Noll war ein Freund von Mohler, dessen Faschismus-Definition doch so schön klingt. Faschismus ist, wenn sich verkrachte Existenzen des Systems zu etwas Neuem zusammenfinden.
    Und dafür sind Nazikader doch geradezu prädestiniert – mit ihrem wundervollen Stil. Und diesen Stil finden wir an unseren Gerichten immer mehr – diesen wundervollen Nazistil von Leuten, denen das geschriebene Recht, das positive Recht, so hinten vorbeigeht. Damit kann sich der Bürger auf nichts mehr verlassen, denn diese Richter sind so kreativ – das nennt man Richterrecht, daß der Bürger nach Belieben auf die Schnauze fällt.

    Mohler sah sich selbst als „Konservativen“ mit einem offenen Bekenntnis zu den geistigen Grundlagen der „Konservativen Revolution“ aus den 1920er Jahren und deren bekanntesten Vertretern Carl Schmitt, Ernst Jünger, Ernst von Salomon oder Ernst Niekisch. Seit Mitte der 1970er Jahre förderte Mohler den französischen Rechtskonservativen und Vordenker der französischen Neuen Rechten Alain de Benoist.

    Wiederholt sprach er sich gegen ein gesetzliches Verbot der Holocaustleugnung aus, dessen Ziel es lediglich sei, „jede Deutschland entlastende Forschung zum Schweigen zu bringen“.

    Im November 1995 fragte ihn Die Wochenzeitung: „Bewundern Sie heute Hitler immer noch wie in Ihren Jugendzeiten?“, worauf er antwortete:

    „Was heißt bewundern? Er hat immerhin eine richtige Führung geschaffen. Die Kader, die er heranzog, hatten Stil.“

    Armin Mohler galt als einer der wenigen profilierten rechten Denker in der Bundesrepublik Deutschland. In einem Zeitungsinterview antwortete er auf die Frage, ob er Faschist sei, mit „Ja, im Sinne von José Antonio Primo de Rivera“. Auf die Frage, was ihm der Faschismus bedeute, sagte Mohler:

    „Faschismus ist für mich, wenn enttäuschte Liberale und enttäuschte Sozialisten sich zu etwas Neuem zusammenfinden. Daraus entsteht, was man konservative Revolution nennt.“

    Mohlers Selbstbezeichnung muss im Kontext seines Essays Der faschistische Stil (abgedruckt in: Von rechts gesehen und Das Gespräch) gesehen werden. Hier versuchte Mohler eine eigene Definition des „Kautschukbegriffs“ (Mohler) „Faschismus“ aus ästhetischen und existenzialistischen Gesichtspunkten, zu denen er sich ausdrücklich bekannte. Mehrfach bezog er sich und seine Faschismus-Deutung auf die Forschungen des israelischen Historikers Zeev Sternhell (etwa Ni droite, ni gauche oder Die Entstehung der faschistischen Ideologie).

    Pioniere des guten juristischen Stils waren ja wohl Roland Freisler und Hilde Benjamin, die ihre trockene theoretische Ausbildung über Bord warfen und den Anforderungen der Zeit gerecht wurden. An dieser Stelle würde ich gerne das gestrige Video eingestellt sehen. Bilder sagen mehr als tausend Worte.

    Man muß es immer wieder sagen: Der Verein Justizopfer braucht zionistische Vordenker wie Sternhell, die wissen über welche Qualifikation ein Israeli verfügen muß.

    Sternhells Arbeiten werden als eine wesentliche Grundlage für die Erforschung des Präfaschismus und der so genannten Konservativen Revolution gesehen und stehen für Ansätze, die nicht davon ausgehen, dass die „extreme, faschistische oder faschistisch angehauchte Rechte 1945 ein für allemal begraben wurde. Diese Rechte, ob in der Spielart der Pétainisten, der Anhänger Mussolinis oder Hitlers, welche die größten Intellektuellen wie auch das einfache Volk der größten europäischen Städte umfasste, wurde nicht in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs geboren und starb auch nicht in den Ruinen von Berlin. Was für eine Zukunft wir uns auch immer vorstellen mögen, diese Rechte wird immer Teil unserer Welt sein.“

    Besonders in Israel oder wollen Sie die Erkenntnisse eines kompetenten Israeli etwa bestreiten?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Zeev_Sternhell

    Ich verbleibe mit dem Gruß der Jungen Pioniere mit dem guten Stil:

    Seid bereit – immer bereit.

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  2. Faschismus ist, wenn niemand mehr rechts oder links vom Führer ist, sondern allenfalls im KZ oder Gulag. sagt:

    Nous n’avons personne, ni à droite, ni à gauche. Weder links noch rechts von uns ist jemand.

    Ich kann ja nun kein französisch, weil ich in der DDR einer humanistischen Bildung entbehrte. Trotzdem bilde ich mir ein, eine humanistische Bildung zu besitzen – können Sie mir intellektuell folgen?

    Faschistische Humanisten dulden Niemanden, der rechts oder links von ihnen ist, aber wo bleiben dann diese angebliche Rechten oder Linken? Ich als Humanist ohne schulische humanistische Bildung bin ja ungebildet und lehne deshalb so etwas ab.

    Aber trotzdem gibt es ja die humanistische Gleichschaltung a la 9/11:

    Das erste 9/11 war der Reichstagsbrand mit gleichnamiger Verordnung zum Schutze von Volk und Staat, dann gings zum Einheitsschauspiel in die Kroll-Oper.
    Das zweite 9/11 waren die 67/68 er Ereignisse mit den gleichnamigen Notstandsgesetzen, die immer noch in der Schublade liegen und auf Ausführung warten.
    Das dritte 9/11 war das New Yorker 9/11, wo auch Larry Silberstein seine Immobilien versilbern konnte, und das zweifach, denn es handelte sich ja um zwei Flugzeuge.

    Als DDR-Bürger hat man doch den Humanismus von kleinauf mit Löffeln gefressen. Mielke selbst sah sich als Humanisten:

    „Wir sind nicht gefeit, leider, dass auch mal ein Schuft noch unter uns sein kann, wir sind nicht gefeit dagegen, leider. Wenn ich das schon jetzt wüsste, dann würde er ab morgen schon nicht mehr leben. Ganz kurz – Prozess. Aber weil ich Humanist bin, deshalb habe ich solche Auffassungen. Lieber Millionen Menschen vor’m Tode retten als wie einen Banditen leben lassen, der also uns dann also die Toten bringt. [… unverständlich …] mal richtig erklären, warum man so hart sein muss. All das Geschwafel von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil – alles Käsis Genossen. Hinrichten die Menschen ohne billige Sätze, ohne Gerichtsbarkeit und so weiter.“

    – Erich Mielke: Originalton, wiedergegeben in MDR/ARTE: Alltag einer Behörde – Das Ministerium für Staatssicherheit: 1982, Ausschnitt eines Stasi-Tonbandprotokolls, auf einer Konferenz hoher Stasi-Offiziere

    Wir sollten mal bei einem Original Bayerischen Leberkäse und einem Original Paulaner im Hofbräuhaus darüber sprechen.

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