Schuld – Zufall und Strafe

Bildergebnis für schuld

Die Welt ist voll überraschender Unglücksfälle: Manche nennen wir Zufall, manche Verbrechen. Wo ist der Unterschied? Die Rechtskolumne
VON THOMAS FISCHER

Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und hier seine Website.

Fünf Fälle

1. Der Sturm bläst. Ein Baum fällt um. Er trifft ein vorüberfahrendes Auto. Die Fahrerin A, die 20 km/h schneller als erlaubt fuhr, wird leicht verletzt, ihre auf dem Beifahrersitz sitzende Mutter stirbt.
2. Herr B leidet an einer Wahnerkrankung. Während eines akuten Schubs panischer Angst vor unsichtbaren Verfolgern greift er auf der Straße wahllos einen Passanten an und ersticht ihn.
3. Autofahrer C fährt zu schnell durch die Wohnstraße mit 30er-Limit. Zwischen zwei geparkten Autos springt ein Kind hervor. C reagiert zu spät und überfährt es: Das Kind ist tot. Bei Einhaltung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit hätte C vielleicht rechtzeitig stoppen können.
4. Autofahrer D fährt nachts von der Betriebsfeier nach Hause. Er hat 1,5 Promille Blutalkohol. Er übersieht den Radfahrer R, der ohne Licht unterwegs ist, und verletzt ihn tödlich.
5. Flugzeugmechaniker E ist unausgeschlafen. Er übersieht eine Fehler-Anzeige. Das von ihm gewartete Flugzeug muss notlanden, sechs Passagiere kommen dabei ums Leben.

Das waren ein paar – recht wahllos gebildete – „Fälle“, wie sie jeden Tag, so oder so, vorkommen und von deutschen (Straf)Gerichten entschieden werden (müssen). Was meinen Sie: Sollte man die Beteiligten A bis E bestrafen? Und wenn ja: Warum, und wie? Ich löse die Fälle hier nicht, sondern fordere Sie auf, selbst darüber nachzudenken.

Zufall

In allen Fällen geht es (auch) um den Begriff und die Vorstellung vom Zufall. Was meinen wir damit? Das Wort beschreibt einen Zusammenhang zwischen Ereignissen und anderen Ereignissen oder Zuständen. Genauer gesagt: Es geht um einen „kausalen“ Zusammenhang, also eine Beziehung von Ursache und Wirkung, um „weil“ und „deshalb“. Darin enthalten ist stets auch eine Vorstellung von „Entwicklung“, also Bewegung: Etwas „kommt von“ etwas; ein Umstand „führt zu“ einem anderen. Der Zufall ist also – mindestens – ein Kind der Bewegung und der Zeit, wenn nicht gar deren Deckname. Im Stillstand, im schwarzen Loch, endet er. An all diesen Begriffen arbeitet sich die Philosophie seit 2000 Jahren ab. Ich mache es heute ein bisschen kürzer.

Vergleichen wir uns, ausnahmsweise einmal, mit dem Wildschwein, einem nahen Verwandten. Es liegt im Dickicht, wenn die Sonne scheint. Es bewegt sich in der Dämmerung. Es tut überhaupt meistens, was Wildschweine tun müssen, manchmal aber auch genau das Gegenteil, schon um des Gedenkens von Charles Darwin willen. Gewiss spürt es in sich den Geruch der Finsternis oder die Verheißung des Windes, die Kühle des Regens und die reißende Gewalt des großen Raubtiers. Es träumt. Es macht sich aber, so glauben wir, keine Gedanken über die Zusammenhänge. Es geht in Deckung, wenn am Himmel ein Gewitter aufzieht oder ein Waidmann samt Kleinem Münsterländer noch vor der Frühschicht im Operationssaal die Pacht durchstreift. Es hat auch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was passiert, wenn man lange und tief genug den Waldboden unter den Eichen umpflügt: leckeres Essen! Trotzdem meint der Wildschweinforscher: Das Schwein denkt nicht, denn es kann nicht zwischen Zufall und Kausalität unterscheiden.

Dagegen wir: Vom ersten Augen-Blick nach dem Erwachen bis zum letzten verlorenen Gedanken vor dem Schlaf konstruieren wir „Kausalität“: Ursächlichkeit, Abhängigkeit, Bedingungen. Im Schlaf überwältigen sie uns: Wie die Erde aufspringt, weil wir nicht rechtzeitig mit einer Aufgabe fertig geworden sind; wie eine Stimme das Haus zum Einsturz bringt; wie unser verstorbener Vater uns lobt, weil wir über einen Berg gesprungen sind; wie alle Wunder und Träume der Welt in eins münden, wenn wir sie nur „verstehen“. Die Gründe für solch somnambule Verknüpfungen halten wir, je nach Temperament und Bildung, für dummes Zeug oder eine Offenbarung unseres Selbst. Die meisten von uns sind bereit, jenen traumhaften Kausalitätskonstruktionen großes „reales“ Gewicht beizumessen: als Enthüllung des Übersinnlichen, als Manifestationen unserer „Seele“, als Erinnerungen an die feuchte Erde oder die engeldurchflogene Ewigkeit.

Immerzu also geht es uns um „Ursachen“. Warum? Die Antwort ist leicht: Allein und ausschließlich, weil es uns um Folgen geht. Die wahren Gründe für irgendetwas sind uns, wie dem Wildschwein im Gebüsch, letztlich gleichgültig, wenn wir den Eindruck haben, die Sache habe sich erledigt: Wenn Gerhard Polt in seinem genialen Stück Bad Hausen (unbedingt anhören!) als Bürgermeister vor den „lieben Kurgästen“ über die Gründe referiert, aus welchen das gegenständliche Kaff erstens „Hausen“ heißt und zweitens „Bad“ ist, ersteht eine überwältigende Komik der Darstellung allein aus der vollständigen Sinnlosigkeit behaupteter Kausalität – unabhängig davon, ob sie „zutrifft“. Mit anderen Worten: Die Kausalität ist ein vertracktes Ding. Ob sie in der Wirklichkeit so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, weiß man jedenfalls seit Max Planck und Albert Einstein nicht mehr wirklich. Heute reicht es zur Erlangung des Nobelpreises absolut aus, ein spieltheoretisches „Modell“ von Kausalität zu entwerfen (falls nicht die Jungs aus dem anderen Sandkasten dazwischenfunken und alles mit ihren hirnzerforschenden Feuerungskausalitäten in Klump schießen).

Fliegende Schweine

Zufall ist, wenn ein Ereignis keine Ursache hat. Ja, Sie haben richtig gelesen. Diese Erkenntnis liegt knapp über dem Wildschwein und gilt als nicht Smalltalk-kompatibel. Menschen, die annehmen, die Ereignisse dieser Welt seien unverbundene, ursachenlose Zusammenstöße von kognitiven Systemen, gelten als (möglicherweise) hochintelligent, aber nur bis auf Weiteres in Freiheit: Es könnte sein, dass sie demnächst schlimmere Auffälligkeiten zeigen …

Ein absolutes Minimum an sozialem Engagement verlangt also zu behaupten, Zufall sei, wenn ein Ereignis geschehe, ohne dass eine Ursache erkennbar sei, oder dass man zwar die Einflussfaktoren kenne, sie aber nicht voraussehen oder beeinflussen könne.

Wir nähern uns der Wirklichkeit: Bayern München ist nicht Champions-League-Gewinner 2015. Die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank möchten „zurücktreten“. Zwei Ereignisse: Wo ist die Verbindung? Es gibt zweifellos Menschen, die eine solche erkennen. Sie gelten (vorerst) als „verrückt“. Wer weiß schon, was morgen herauskommt? Vielleicht hat das eine mit dem anderen zu tun – wir wissen es bloß nicht.

Nach solch schwankenden Maßstäben kann man im Strafrecht – einem mit „Ewigkeits-„Anspruch und immerwährender Garantie ausgestatteten Regelungskonzept – nicht operieren. Das ganze Strafrecht, wie wir es kennen, funktioniert seit Anbeginn unserer Zeit nur, allein, ausschließlich und exklusiv auf der Basis von Kausalitätsbehauptungen, welche die Richter – also alle – gleichzeitig wieder mit aller Kraft infrage stellen müssen.

Um diese Kunststücke des Denkens zu vollbringen, haben wir uns Namen für Gedanken und Kommunikationen ausgedacht: „Schuld“! „Verantwortung“! „Zurechnung“! Die Worte kommen daher, als fielen sie aus den steinernen Tafeln des Berges Sinai. Aber das täuscht! Sie sind nicht mehr als die Bezeichnungen von „Konzepten“: Diese heißen „Schuldprinzip“ oder „Objektive Zurechnung“; „Verantwortungsprinzip“ oder „Regressverbot“. Studenten, die das Fach Rechtswissenschaft studieren, lernen solche Worte auswendig. Manche von ihnen verstehen sie irgendwann – wenn sie Glück haben (lange nach Abschluss ihres Studiums). Viele verstehen sie nie, und werden trotzdem Bundesrichter oder Millionär.

Ein Grund dafür ist, dass die Herren und Damen Professoren den einzigen Sinn ihrer Wissenschaft oft selbst nicht verstehen oder in einem langen Berufsleben erst mühsam erleiden müssen. Sie sind gefangen in einem System von Vorstellungen und einer bemitleidenswerten Struktur zur Förderung von Anpassung und Unterwürfigkeit.

Zurechnung, strafrechtlich

Es gab eine Zeit, in der hätten wir die oben beschriebenen Verursacher B, C, D und E ohne Zweifel bestraft: wegen „Tötung“; vielleicht sogar mit dem Tod. Dagegen wäre Fall 1 schon immer zweifelhaft gewesen: Die bloße Ursächlichkeit des Verhaltens von A ist offenkundig (wäre sie langsamer gefahren, hätte der Baum sie nicht getroffen), aber der Zusammenhang mit dem „Unglück“ ist so fernliegend, dass sich alles sträubt, ihr das Schadensereignis als „Schuld“ zuzuschreiben. Selbst bei den alten Germanen wäre A freigesprochen worden.

Deutlich komplizierter ist es im Fall 3. Hier fragt man: Warum eigentlich soll C in der 30er-Zone nur 30 km/h fahren? Welchen Sinn hat das? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Beschränkung dient nicht der Schikane, sondern dem Schutz von fremden Rechtsgütern, unter anderem von Leib und Leben der Fußgänger. Wer also hier zu schnell fährt, hat bei Eintritt eines Schadenfalls alle Indizien gegen sich.

Was wäre, wenn sich herausstellte, dass es auf die Geschwindigkeit des C gar nicht ankam? Dass er also das Kind selbst dann überfahren hätte, wenn er die Stelle mit der vorschriftsmäßigen Höchstgeschwindigkeit (30 km/h) passiert hätte? Das sind Fall-Konstellationen, über die sich die (Straf-)Rechtswissenschaft jahrzehntelang streitet. Kommt es wirklich auf die „zulässige Höchst“-Geschwindigkeit an? Zeigt nicht das Ergebnis, dass C sich auf jeden Fall pflichtwidrig verhalten hat? Denn die eigentliche Pflicht besteht ja nicht darin, 30 km/h zu fahren. Diese Grenze ist vielmehr nur ein äußerer Anhaltspunkt zur Steuerung des Verhaltens. Die Pflicht lautet: Keine Kinder überfahren!

Ähnlich ist die Lage im Fall 4. Hier kommt allerdings hinzu, dass auch der Radfahrer R sich falsch (vorschriftswidrig, also unter Verstoß gegen eine Vorschrift, die seiner eigenen Sicherheit dient) verhalten hat. Wird dadurch die „Schuld“ des D gemindert?

Und schließlich Fall 5: Sechs Menschen sind gestorben, weil E einen Fehler gemacht hat. Sie haben keinerlei „Mitschuld“ an ihrem Tod. Es gibt auch keine vernünftige Erklärung für das Versagen des E. Vielleicht hatte er Kummer oder Bauchweh, konnte deshalb nicht schlafen und war anderntags übermüdet. Er hat so viel „Handlungsunrecht“ begangen wie Sie, wenn Sie morgens das Badezimmerfenster nicht ganz schließen oder ihrer zwölfjährigen Tochter sagen, sie möge heute einmal mit dem Bus von der Ballett-Stunde nach Hause fahren. Also nichts. Eintausendmal nichts. Und dann kommt irgendeine ungeahnte andere Ursache hinzu: Ein fremder Mensch, eine technische Panne, eine theoretische Möglichkeit. Und aus beidem und/oder weiteren Ursachen entsteht ein großer Schaden, ein großes Unglück. Es gibt viele Tausend Spielfilme, die sich auf immer neue Weise mit dem Zufall befassen: Match Point von Woody Allen, oder Misery (nach Stephen King) oder U-Turn (mit Jennifer Lopez) fallen mir gerade ein. Das ganze Genre des „Western“ versuchte hundert Jahre lang zu klären, was dieser verfluchte Zufall des Augenblicks mit dem Schicksal der „Stadt“ und ihrem Grund zu tun hat. „Wild-West“-Städte sind, von oben betrachtet, immer Plätze des Chaos und des Spiels, Haufen von unerklärlich getriebenen Menschen und Tieren. An ihrem Grunde bildet sich ein Bodensatz von Ablagerungen: die braven Bürger, die Geschäftsinhaber, „anständigen“ Menschen. Sie kommen im Western durchweg ziemlich schlecht weg: opportunistisches Gesindel. Der „Fremde“ aber ist der Zufall, jederzeit, Verheißung oder Fluch.

Heute stellen viele sich (und anderen) die Entwicklung des Strafrechts als eine Fortentwicklung vom „Zufall“ zur „personalen Zurechnung“ dar. Daran ist viel Wahres, wie überhaupt an der Verfeinerung der Welt: vom Bakterium zum Individuum. Heute, da das ganze Universum aus Dollarscheinen besteht, die irgendjemandem „gehören“ müssen, weil sie sonst keinen Sinn hätten, muss ein jeder Mensch verantwortlich sein. Die Verschmutzung des Flusses Ganges ist die Schuld der dreckigen Pilger, und der Untergang der Deutschen Bank ist die Schuld von Anshu Jain.

Der ewige Fremde ist uns trotzdem geblieben. Er kommt nicht aus Arizona, sondern aus der Ukraine oder Syrien, und reitet auf einem wilden Yak aus den Flanken des Himalaya direkt bis Lampedusa. Der Zufall hat sein Gesicht und seinen Namen geändert. Er heißt jetzt „Fukushima“ oder „Deepwater Horizon“ oder „MERS„. Wir fürchten uns sehr.

Fahrlässigkeit

Gerichte, gerade Strafgerichte, haben ziemlich oft mit Konstellationen zu tun, wie sie in den Eingangsfällen geschildert sind. Sie verhandeln und entscheiden darüber meist unter dem Gesichtspunkt der „Fahrlässigkeit“. Das ist ein Begriff, der im Gegensatz zum „Vorsatz“ verwendet wird. Die Abgrenzung können Sie sich anhand eines Beispiels klarmachen:

Sie standen auf dem Balkon Ihrer Wohnung im 8. Stockwerk. Sie warfen einen Ziegelstein hinunter. Dieser traf den Passanten X und verletzte ihn tödlich. Die Strafe, die auf Sie wartet, liegt irgendwo zwischen einer Verwarnung und einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Den Unterschied macht allein ihre subjektive Einstellung, das Ausmaß Ihres bösen Willens:

Vorsatz ersten Grades: Wenn Sie den Ziegelstein auf die Straße warfen, weil dort ihr Feind X spazieren ging und sie ihn treffen und töten wollten, heißt das „Absicht“, und die Tat heißt „Totschlag“.

Vorsatz zweiten Grades: Wenn Sie den Stein auf eine Gruppe von Menschen hinabwarfen und sicher waren, dass irgendeiner von ihnen tödlich getroffen wird, heißt das „direkter Vorsatz“.

Vorsatz dritten Grades: Wenn Sie den Stein warfen und dachten: „Ich könnte jemanden tödlich treffen. Der hat dann halt Pech gehabt“, nennt man das „bedingter Vorsatz“ (Für-möglich-halten des Erfolgs und „Billigendes In-Kauf-nehmen“).

In allen drei Fällen würde eine vorsätzliche Tötung vorliegen (der sogenannte Totschlag), bei Hinzutreten weiterer Merkmale (im Beispiel naheliegend: Heimtücke) vielleicht auch der sogenannte „Mord“.

Wenn Sie den Stein warfen und dachten: „Es könnte jemand tödlich getroffen werden. Hoffentlich passiert das nicht“, nennt man das: bewusste Fahrlässigkeit.  „Bewusst“, weil die Möglichkeit eines Schadens erkannt wird, fahrlässig, weil der Schaden eben nicht „gewollt“ und auch nicht „in Kauf genommen“ wird, sondern der Handelnde darauf vertraut und wünscht, es werde schon „gut gehen“.

Und wenn Sie den Stein warfen und dachten: „Da kann gar nichts passieren; da geht doch nie jemand“, ist das „unbewusste Fahrlässigkeit“. Es muss also schon die Möglichkeit des Schadenseintritts nicht erkannt werden. Wer also den Stein einfach beiseitelegt und gar nichts denkt, ist „unbewusst fahrlässig“, wenn der Stein abrutscht und herunterfällt.

Wenn Sie sich, Leserinnen und Leser, die Mühe machen und ein bisschen hineindenken in unsere Beispielstäter, werden Sie schnell feststellen, dass die Strafe von den Beweggründen abhängt und die besonderen Schwierigkeiten des Nachweises im Bereich zwischen „bedingtem Vorsatz“ und „bewusster Fahrlässigkeit“ liegen. In diesem Bereich ist ein unergründlicher Ozean menschlicher Emotionen verborgen. Die Gerichte müssen versuchen, im Nachhinein, oft viele Monate nach dem Ereignis, herauszufinden, was jemand beim Werfen des Ziegels, beim Schnellfahren oder Alkoholtrinken wohl „gedacht“ und „gebilligt“ haben mag.

Manchmal ist das einfach: Der „Lückenspringer“ T, der im Kolonnenverkehr ständig halsbrecherisch überholt, wird nach aller Wahrscheinlichkeit eine frontale Kollision mit einem entgegenkommenden PKW nicht „billigen“ – schon um der Heiligkeit des eigenen Blechles willen. Das Unrecht seines Handelns ist kein bisschen höher, wenn in dem („zufällig“) entgegenkommenden Fahrzeug zwei Menschen sitzen und getötet werden. Und es erscheint uns, selbst als Außenstehende, schwer erträglich, dass Herr T – der gedacht hat: „Sollen die doch ausweichen!“ – nicht wegen Totschlags bestraft wird, sondern nur wegen fahrlässiger Tötung: also einer Freiheitsstrafe von vielleicht zwei Jahren statt zwölf. Die Angehörigen der Umgekommenen werden das Urteil sicher als ungerecht und unerträglich empfinden. Die Eltern des Kindes im Eingangsfall 3 haben kein Verständnis für die zu erwartende milde Strafe wegen „Fahrlässiger Tötung“: ein Jahr auf Bewährung und zwei Jahre Fahrerlaubnissperre.

Wie abgebrüht und gnadenlos muss eine Gesellschaft sein, die die Empörung gegen solche Ergebnisse als „querulatorisch“ diffamiert und das Ergebnis als „dogmatisch einwandfrei“?

Aber natürlich gilt auch das Gegenteil: Wie blind muss eine Kritik sein, die eine gnadenlose Bestrafung für das bloße Verursachen (oder was wir dafür halten) von Schäden verlangt – gleichgültig, wie viel persönliche Vorwerfbarkeit den Verursacher trifft?

Heute ist unsere (Rechts-)Gemeinschaft in hohem Maß unsicher und „durcheinander“, wie man solche „Verantwortungen“ überhaupt noch zumessen kann. Wer ist „kausal“ für die Finanzkrise, hat also möglicherweise „Schuld“? Und was ist „purer Zufall“? Müssen wir vielleicht unsere Vorstellungen davon ändern, was wir als „Ursache“ eines Schadens ansehen? Eine „Exkulpation“ (Entschuldigung) durch biographische Besonderheiten wird von der herrschenden Meinung und dem Volksempfinden meist als abwegig und albern abgetan: Soll ein Mörder oder Räuber weniger Schuld haben, „bloß“ weil er als Kleinkind vernachlässigt wurde oder als Erwachsener Demütigungen erlitten hat? Die herrschende Meinung ist gewohnt, solche „Kausalitäts-„Behauptungen als Unsinn abzutun: Jeder hat die Chance, sich anders zu entscheiden!

Aber was ist dann mit den Zockern, den Derivate-Händlern, den korrupten Politikern, die in fünf Jahren dreitausend Milliarden Euro von den fremden Konten auf ihre eigenen umverteilt haben und dazu bis heute nur behaupten, das sei alles ein schrecklicher Zufall gewesen? Was ist mit „Unternehmen“, also sogenannten „juristischen Personen“, die nur aus der Fiktion einer Persönlichkeit bestehen? Müssen oder sollen sie Folgen verantworten wie wir natürlichen Menschen? Wie konstruieren wir und bis auf welche Ebene verfolgen wir die Ursächlichkeiten ihres formalisierten oder kriminellen Eigenlebens?

Was steckt hinter solchen Ergebnissen?

Viele sehr schlaue Menschen haben sich viele schlaue Gedanken gemacht, seit die Germanen und Wildschweine durch das Unterholz brachen. Die Zusammenhänge der Welt können wir uns als extrem nahe konstruieren oder als extrem fern. Wir können jeden für alles oder niemanden für nichts verantwortlich machen. Wir können glauben, aller Schrecken sei vom Teufel gesandt, oder von der Hexe, oder von der Hirnstruktur, oder einem Magnesiummangel im Gehirn.

Das ist aber nur der erste Schritt. Wir arbeiten an ihm ohne Unterlass, und sind regelmäßig entzückt über unsere Ergebnisse. Das Wildschwein, mit anderen Worten, arbeitet an sich.

Der zweite Schritt ist – verzeiht, Philosophen! – einmal wieder ganz und gar soziologischer Natur: Das Wildschwein im Dickicht kann nicht warten, bis seinem Rudel ein Kant oder ein Sloterdijk entspringen. Es rennt los, grunzt und greift an. Es hat immer recht und nie.

Folgen

Ein Vater hat ein Gewehr. Er hat einen Waffenschein und einen Gewehrschrank. Den schließt er tausendmal zu, und einmal nicht. Da nimmt der Sohn das Gewehr und erschießt damit fünf Menschen. Was ist das? Niemand käme (hoffentlich) auf die Idee, den Vater wegen vorsätzlichen Mordes in fünf Fällen zu bestrafen. Möglich oder wahrscheinlich ist aber eine Verurteilung wegen „fahrlässiger Tötung“. Aber wie nah ist das an unser aller alltäglichem Verhalten? Wie unermesslich vieles machen wir täglich falsch, und sind anschließend wieder einmal „froh, dass nichts passiert ist“? Mit anderen Worten: Wir müssen sehen, dass die Grenze, die wir zwischen „Zufall“ und „Verantwortung“ ziehen, hauchfein ist und sich zudem ständig verschiebt: In einem Fall so, im nächsten so, bei dem Gericht in diese, beim nächsten Gericht in die andere Richtung.

Es ist eine außerordentlich harte Grenze. Wir sollten uns klarmachen, wie unbarmherzig sie ist. Und wie viel Nachdenken und Gefühl sie von Richtern fordert, die darüber zu entscheiden haben, ob ein Ereignis „Zufall“ gewesen ist oder „Schuld“, „Unglück“ oder „Versagen“. Selbstverständlich gibt es stets einen großen Druck der Gesellschaft, „Verantwortlichkeit“ zu individualisieren und jedem Unglück den Namen eines Schuldigen zu geben. Das hat viele Gründe, gute und schlechte. Oft stimmen sie. Aber nicht immer hat recht, wer auf der Seite der „herrschenden“ Meinung steht oder sich mit den Opfern furchtbarer Ereignisse identifiziert.

Es ist unbedingt erforderlich, dass wir uns stets und immer wieder vergegenwärtigen, dass alles auch ganz anders gehen könnte: dass es andere Begründungen gibt, andere Schlussfolgerungen, andere Zuweisungen. Daraus folgt nicht die Forderung nach einer albernen Exkulpationskultur für alle und alles, aber die Forderung nach einer rationalen Kommunikation über das Unerwartete.

Das Wildschwein, liebe Leser, wird heute Nacht wieder tun, was es will. Ganz in unserer Nähe, und sogar in uns selbst.

Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-06/schuld-zufall-strafe-strafrecht-justiz

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s